So entkam der Tränenjunge den Mord-Reitern

Heißer Wind weht durch ein Flüchtlingslager. Staub fängt sich in einem feuchten Hemd auf einer Wäscheleine. Abdelsalam (1) trug es auf der Flucht. Es ist sein einziges Hemd. Wenn seine Mutter es wäscht, krabbelt er nackt im Sand.

BILD fand den Jungen, der zum Symbol des Leids Tausender wurde, im Tschad. Heute: Wie entkam seine Familie dem Morden im Sudan?

Ein Januartag im Bauerndorf Kokari (2000 Einwohner) in der sudanesischen Provinz Darfur. Die Sonne geht auf, die Luft ist kühl vom Tau. Kochfeuer glimmen vor den Hütten, weißer Rauch im Morgennebel. Abdelsalams Mutter Khamisa erzählt: „Ich stillte unseren Sohn und kochte Tee, als wir Flugzeuge hörten.“

Die Männer im Dorf verneigen sich zum Morgengebet. Sie beten zu Allah. Zu demselben Gott wie die Piloten der sudanesischen Luftwaffe, die auf das Dorf zufliegt.

Abdelsalams Vater Khamis sagt: „Im Koran steht, dass alle Moslems friedlich zusammenleben sollen. Aber für die Milizen sind wir Sklaven, weil wir dunkler sind.“

Dann explodieren Bomben. Sie reißen Krater und zerfetzen Familien in ihren Hütten. Als der Angriff nach wenigen Sekunden vorbei ist, weinen Kinder. Verendendes Vieh brüllt auf den Weiden.

„Wir hatten gehört, dass nach den Bomben die Janjaweed kommen“, sagt Vater Khamis. „Wir packten ein paar Sachen auf ein Pferd.“ Die Janjaweed. Übersetzt: Mann mit Pferd und Gewehr. Eine arabische Reitermiliz, die seit Monaten mordend durch Darfur zieht. Ihr Blutsold ist das Land der Bauern, das ihnen die Regierung in Khartum versprochen hat.

„Wenige Stunden nach dem Angriff umstellten sie unser Dorf“, erzählt Khamis. „Sie kamen auf Pferden und Kamelen. Wenn sie einen Mann oder einen Jungen sahen, erschossen sie ihn. Sie zündeten Hütten an, stahlen unser Vieh. Wir setzten die Kinder auf unser Pferd und liefen los. Da erschossen sie den Vater meiner Frau.“

60 Menschen sterben beim Angriff. Als die Familie eine Böschung erreicht, dreht sich Vater Khamis noch einmal um. Vor der Asche seiner drei Hütten steht ein Mann mit einer Axt. Ein Janjaweed fällt seinen Mangobaum. Das Leben auf seiner Erde endet. „Von da an waren wir auf der Flucht“, sagt er.

Ihr Ziel ist die rettende Grenze des Tschad. Ihr Weg ist hundert Kilometer Wüste. Ihre Sorge ist die brennende Sonne. Mutter Khamisa trägt Abdelsalam unter ihrem Gewand. Sie sagt: „Wir konnten kein Wasser, kein Essen mitnehmen. Die Kinder wären fast verdurstet.“

Sie verstecken sich tagsüber und brechen auf, wenn es dunkel wird. Die Nacht wird zum Freund ihrer Flucht. „Wir wurden die ganze Zeit verfolgt. Einmal wurden wir bombardiert. Wieder starben Menschen“, sagt Khamis. „Wir hatten keine Zeit, sie zu beerdigen. Ich glaubte nicht, dass wir überleben würden.

Der Vater erzählt, dass die Kinder nicht lauter quengeln mit jeder hungrigen Stunde. Sie werden stiller. Nach vier Tagen Fußmarsch sehen sie Zelte. Vor ihnen liegt das Flüchtlingslager von Frachana. Hinter ihnen liegt nichts.

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