Ärzte schenken Mioty (5) ein neues Gesicht

Die Patienten sind nicht die einzigen, deren Leben nach einer Zeit an Bord des Mercy-Ships nicht mehr dasselbe sein wird. Hier lassen wir die Krankenschwester Heather Morehouse zu Wort kommen, die sich an die kleine Patientin Mioty (5) erinnert:

„Am Tag ihrer Ankunft auf der Station sah ich ihr Gesicht zum ersten Mal. Ihre Lippe war ganz nach oben gezogen und ihr Gesicht wirkte, als ob sie immer nur finster blickte. Ihr linkes Auge fehlte. Sie spielte zwar mit den anderen, war aber dabei sehr aggressiv.

Ich erfuhr, dass ihre Mutter sie, als  sie eine Woche alt war, mit ihren älteren Geschwistern allein zu Hause gelassen hatte, um arbeiten zu gehen. Als sie zurück kam, stellte sie mit Grauen fest, dass ein Tier das Baby attackiert hatte! Es hinterließ ein Loch in ihrer Wange, dass sich bald entzündete.

Die bakterielle Infektion Noma zerstörte innerhalb weniger Tage die Nase und das Auge von Mioty (Foto: Privat)
Die bakterielle Infektion Noma zerstörte innerhalb weniger Tage die Nase und das Auge von Mioty (Foto: Privat)

Zu allem Unglück infizierte Mioty sich dann auch noch mit Noma. Diese bakterielle Infektion zerstörte innerhalb weniger Tage Nase und Auge. Ein einheimischer Arzt nähte das Auge zu und riet der Mutter in den nächsten fünf Jahren täglich heißes Wasser über ihr Auge zu gießen. Ihre Mutter wusste nicht, was sie sonst tun sollte. “

Sie kam auf das Mercy Ship, weil sie eine neue Nase brauchte und sie ging mit einem neuen Herzen.

Nach der ersten Operation war Heather Morehouse ihre Krankenschwester. „Ich glaube, sie hat mich von Anfang an gehasst; oder sie hatte solche Angst vor mir, dass sie mich deshalb gehasst hast.

Die Fingernägel ihrer linken Hand hinterließen Spuren auf meinem Arm und sie schrie jedes Mal, während ich ihre Atemwege versorgte. Sie hatte solche Angst, dass sie gar nicht merkte, dass die Behandlung völlig schmerzfrei war. Ich werde nie vergessen, wie viel Kraft sie aufbrachte als sie sich wehrte. Wir mussten sie mit Gewalt festhalten, während sie brüllte, „marare, marare!“ („Aua, Aua!“), immer wieder, während jeder Behandlung. Alle vier Stunden, während unzähliger Schichten, fünf Wochen lang.

Ich erinnere mich auch daran, dass ihrer Mama Tränen in den Augen standen, als die Ehefrau von Dr. Gary Parker ihr in die Augen sah und sagte „Du bist eine gute Mutter. Du bist sehr tapfer“. Man sah ihr an, dass sie so etwas noch nie in ihrem Leben gehört hatte.

Sie hatte Mioty fünf Jahre lang versorgt und sie zu Hause behalten, damit sie beide nicht den abstoßenden Blicken und dem Getuschel ausgesetzt sein würden. Sie wollte sie schützen, aber war dabei allein. Ihre Augen wirkten müde und niedergeschlagen. Und doch war sie die geduldigste und liebevollste Mutter, die ich jemals getroffen habe.

Ich erinnere mich an meine vergeblichen Versuche, Mioty ein Lächeln zu entlocken. Ihr ganzer Kopf war bandagiert und sie konnte mit ihrem guten Auge gerade durch die Bandagen gucken. Ich las ihr vor und legte ihre Hände auf die Bilder. Sie starrte das Buch unbeeindruckt an und stiess meine Hände weg. Da tat sie mir unendlich leid. Ich brachte ihr Malstifte. Sie nahm die Schachtel und kippte alle Stifte in ihren Schoß, so als ob sie Angst hätte, jemand könnte sie ihr stehlen.

Als die Wochen verstrichen und sie noch genauso zornig war wie immer, wurde ich zunehmend frustriert. Mit den anderen Krankenschwestern habe ich regelmäßig für Mioty gebetet – um Frieden für ihre verletzte Seele und dafür, dass sie uns endlich vertrauen würde , dass durch unsere Liebe das kleine Mädchen in ihr würde zum Vorschein kommen könnte.

Sie wagte sich nie weiter als eine Armlänge von ihrer Mutter weg. Nach den Behandlungen verkroch sie sich unter ihrem Bett, manchmal stundenlang. Immer wenn ich versuchte ihr Hallo zu sagen, ballte sie nur ihre Faust. Sie weigerte sich, ihre Medikamente zu nehmen. Sie spuckte sie mir ins Gesicht, also versteckte ich sie in ihrem Essen. Das funktionierte zwei Tage lang, dann bemerkte sie es und weigerte sich einfach, zu essen.

Für ihren ersten Verbandswechsel hatte der Arzt ein Beruhigungsmittel angeordnet. Wir überlegten, wie wir sie dazu würden bringen können, das Medikament zu schlucken. Ich fragte sie, was ihr Lieblingsessen sei, aber sie schwieg nur. Dann fragte ich, ob sie Schokolade mochte und sie nickte knapp. Also mischte ich das Beruhigungsmittel mit Nutella und gab es ihr mit einem Löffel und einem breiten Lächeln. Sie kostete ein wenig davon und ich jubelte schon innerlich! Aber dann spuckte sie es aus. Man konnte sie einfach nicht überlisten. Die einzige Möglichkeit war jetzt, ihr eine Injektion zu geben.

Dann, von einem auf den anderen Tag war etwas anders. Sie hasste nach wie vor ihre Behandlungen und wir gaben ihr nach wie vor keine Medikamente zum schlucken, weil sie sie verweigerte. Aber sie lächelte jetzt öfter und öfter. Vor einigen Tagen ertappte jemand sie beim Singen und eine andere Krankenschwester brachte ihr das Blinzeln bei.

Mehr als fünf Wochen nachdem sie das erste mal durch unsere Tür gekommen war, sah ich sie auf dem Bobby-Car auf der Krankenstation herumfahren und konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Ich spürte, wie sie sich von hinten anschlich und mich in die Seite pikste und dann davon flitzte und darauf wartete, dass ich hinter ihr her rennen würde. Ich kam an ihrem Bett vorbei und blinzelte ihr zu – und sie blinzelte zurück. Langsam sah ich, wie ihr Herz anfing ein wenig zu heilen. Ein Herz, das sein Leben lang gekämpft und niemanden an sich heran gelassen hat.

Ich weinte, weil sie langsam heilte. Weil dieser Weg so schwierig gewesen war. Auch weil ich frustriert gewesen war wenn sie um sich gehauen hat, während ich sie hielt und ruhig sagte „es ist okay“, aber sie mich wegen ihrer Schreie nie gehört hat. Weil ich unzählige mal darum bitten wollte nicht mehr für sie zuständig zu sein, es aber nie tat, weil ich davon überzeugt war, dass Gott treu sein würde und ihren Körper und ihre Seele heilen würde und das er die Kraft hatte, ihr ihre Freude wiederzugeben.

Sie wird langsam wieder ein kleines Mädchen. Genauso langsam lässt sie unsere Zuneigung zu. Die Qualen, die sie in den letzten fünf Jahre ertragen hat, verblassen. Miotys Schicksal hat mein Herz berührt. Sie ist es wert geliebt zu werden. Sie ist der Grund, warum ich bei Mercy Ships bin.“

Miotys Operation wie auch die von rund 60 anderen Kindern wurde im Rahmen des Einsatzes des Mercy Ships vor Madagaskar unter andrem auch von „Ein Herz für Kinder“ finanziert.

(Quelle: Mercy Ship)

„Ein Herz für Kinder“

BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“
Spendenkonto 067 67 67
Deutsche Bank Hamburg | BLZ 200 700 00
IBAN DE60 2007 0000 0067 6767 00 | BIC DEUTDEHH