Hier kämpft sich Dominik ins Leben zurück

Es ist ein frühherbstlicher Sonntagabend, kurz nach halb sieben. Das Handy von Sabine Steiner klingelt. „Mama“, sagt eine helle, aufgeregte Stimme am anderen Ende, „es geht los. Die Organe sind da.“„Dominik“, antwortet die Mutter, „du schaffst es. Ich umarme dich. Ich fahre jetzt auch sofort los.“

Ende des Telefonats – ein dramatischer Wettlauf geht in die letzte Runde. Ein Wettlauf um Leben und Tod. 600 Tage und 600 Nächte wartete Dominik auf ein neues Herz und eine neue Lunge, damit er leben kann. Nun rückte seine Rettung in greifbare Nähe. Ein kleines Mädchen war gestorben, und die Eltern haben im Angesicht des Todes ihrer Tochter Ja gesagt. Ja zur Organspende, Ja zum Leben Dominiks!

Die Vorgeschichte: Dominik kommt am 20. August 1990 mit einem Neuroblastom auf die Welt, einem bösartigen Tumor, der sich regelrecht um die Hauptschlagader gewickelt hat. Die Ärzte operieren, danach folgt eine quälende Chemotherapie. Dominik schafft es, er besiegt die Krankheit – doch Jahre später der nächste Schock: Ärzte messen bei dem Jungen einen extrem hohen Blutdruck auf den Lungenarterien. Dadurch ist auch sein Herz gefährdet. Am Ende der Untersuchungen steht die Diagnose der Kinderkardiologen in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH): „Dominik braucht ein neues Herz und eine neue Lunge. Sonst hat er keine Chance.“

Der Junge weiß, was „keine Chance“ bedeutet: den Tod. „Ich will nicht sterben. Ich bin doch erst 14! Ich finde, mit 14 bin ich zu jung zum Sterben“, sagt er. „Ich habe den Krebs besiegt. Ich werde auch die Transplantation überstehen. Ich fühle es ganz tief in mir – im Himmel will man mich noch nicht.“

Von diesem Zeitpunkt an wird mit der höchsten Dringlichkeitsstufe nach geeigneten Spenderorganen für Dominik gesucht. Kinder, die auf der Warteliste stehen, dürfen nicht zu Hause warten. Sie müssen in der Klinik bleiben, weil sie dort komplett medizinisch betreut werden. Die ersten Wochen vom Februar 2005 an bleibt Dominik in der MHH, dann wird er ins Kaiser-Wilhelm-Krankenhaus Duisburg verlegt. Sabine Steiner (41), die in Rees am Niederrhein zu Hause ist: „Duisburg ist nur 50 Kilometer von uns weg – so konnte ich den Dominik öfter besuchen als in Hannover.“

Dominik hat ein Einzelzimmer, er spielt Schach, hört Musik, lernt mit einer Privatlehrerin Englisch, Deutsch, Latein. Er hat sich fest vorgenommen: „Wenn ich gesund bin, studiere ich.“ Doch jeden Tag stellen er und seine Familie sich auch die Frage: Wer ist schneller: der Tod oder die medizinische Hilfe? Wann kommen die Organe? Kommen sie überhaupt?

Am 20. August 2005 wird Dominik in der Klinik 15 Jahre alt. Am 20. August 2006 wird er 16. Die Schwestern und die Eltern feiern mit ihm in der Ambulanz. Es gibt Salate, Mineralwasser. Zum 16. bekommt Dominik den Zauberstab von Harry Potter. Dominik wird schwächer, seine Hoffnung schwindet. „Mama“, sagt er kurz nach seinem 16. Geburtstag, „ich habe Angst. Ich habe Angst vorm Sterben . . .“

Sabine Steiner tröstet ihren Sohn. „Ich hab‘ auch Angst, mein Junge. Aber ich weiß: Du wirst es schaffen – du hast schon so viel geschafft.“ Dann, am Sonntag darauf, kommt tatsächlich die erlösende Nachricht. Herz und Lunge eines gerade verstorbenen Mädchens sind da! Dominik wird mit dem Notarztwagen nach Düsseldorf gefahren, dann nach Hannover geflogen. 600 Tage Warten haben ein Ende.

Was kommt nun? Täglich hat Dominik im Durchschnitt 30 Pillen geschluckt, damit sein Körper stark genug bleibt. 18 000 Pillen, bevor der Brustkorb geöffnet wird. Und nun? Im OP der Medizinischen Hochschule Hannover stehen Privatdozent Dr. Martin Strüber, Chef der Transplantationsabteilung, und sein Team bereit. Eine Stunde hat es gedauert, bis das MHH-Team dem toten Mädchen die Organe entnommen hat, eine Stunde waren sie dann in der Luft.

Nun ist es kurz vor Mitternacht, und es wird etwa viereinhalb bis fünf Stunden dauern, bevor Herz und Lunge implantiert sind. Eine Doppeltransplantation, speziell beim Kind, ist auch für die erfahrenen MHH-Chirurgen eine Herausforderung. Die neue Lunge ist zu groß. Dr. Strüber entfernt etwa 20 Prozent des Gewebes, dann passt das Organ in Dominiks Brustkorb.

Um 3.58 Uhr bekommt Dominiks Mutter die Nachricht: Das Herz schlägt!

Als Dr. Strüber morgens kurz nach sieben die Klinik verlässt und Dominik auf der Intensivstation betreut wird, spürt der Chirurg Erleichterung – aber auch Sorge. Er weiß, der kleine Körper braucht noch viel Kraft und Energie, um sich mit den neuen Organen zu arrangieren. Jede Abstoßung der Organe kann tödlich enden. Dominiks Mutter telefoniert morgens um sieben mit der Intensiv-Schwester. „Dominik hat es überstanden.“ Um acht Uhr spricht sie mit einem Arzt. „Der Junge hat es geschafft, aber wir müssen noch abwarten.“

Sabine Steiner ist nicht allein nach Hannover gekommen – sie hat ihre Schwester Brigitte dabei, und vor allem Jolien, Dominiks sechsjährige Schwester. Zu ihr hat er ein besonderes Verhältnis. Er nennt sie „meinen kleinen Engel“. Dominik liegt im künstlichen Koma – von Maschinen beatmet, künstlich ernährt. Sabine Steiner: „Als ich ihn zum ersten Mal sah, habe ich geweint. Vor Dankbarkeit, vor Glück. Vor Erschöpfung. Besonders habe ich an die Eltern des Mädchens gedacht, die unserem Dominik das Leben möglich machen. Ihnen bin ich ewig dankbar.“

Doch dann tritt ein, was die Ärzte befürchtet haben: Der Körper rebelliert. 41 Grad Fieber, die erste Abstoßung am Dienstag nach der Transplantation. Obendrein Nierenversagen – Dominik muss an die Dialyse. Die Funktion einer Herzklappe ist beeinträchtigt. „Wir können Dominik auch verlieren“, sagt ein Arzt zu Sabine Steiner. Sie streichelt ihren Sohn. „Ich fühle, dass er mich fühlt.“ Sie nimmt sogar Dominiks Schwester mit auf die Intensivstation. „Hallo, mein Schatzi“, begrüßt Jolien ihren Bruder. Dann hat sie ihre Hand in seine gelegt – und sie lange Minuten nicht mehr losgelassen.

Täglich sind Mutter und Tochter auf der Intensivstation – am 15. Tag öffnet Dominik zum ersten Mal seine Augen. Sabine Steiner: „Er hat sie noch ein bisschen verdreht, aber er hat uns erkannt. Er hat gelächelt. „Wegen des Luftröhrenschnittes kann er nicht reden, aber mit seinen Lippen formt er: M a m a – J o l i e n. Drei Tage später kommt Sabine Steiner mit ihrem Neffen. „Hast du Hunger?“, fragt er Dominik. Der Junge nickt müde, aber unübersehbar. „Willst du ein Gummibärchen?“ Er nickt wieder, lächelt, hält den Daumen hoch. Die Schwester legt ihm ein rotes Gummibärchen in die Wangentasche. Das Leben kehrt zurück!

Aber Sabine Steiner will mehr, als ihrem Sohn etwas zu erzählen und ihn mit Gummibärchen zu füttern. Sie möchte wissen, was er fühlt. Weil er noch nicht sprechen kann, schreibt sie auf einen großen Zettel das Alphabet. So kann Dominik nacheinander Buchstabe für Buchstabe berühren – und Mutter Steiner erfährt, was Dominik empfindet: „Mir ist kalt – bitte deck mich zu. Oder: Schön, dass ihr da seid. Oder: Wann komme ich hier raus?“

„Dominiks Herz und Lunge werden eines Tages voll belastbar sein“, sagt Dr. Martin Strüber. Dann kann Dominik anfangen, seinen Lebenstraum zu realisieren. Er möchte Kinderkardiologe werden – und anderen Jungen und Mädchen das geben, was er selbst bekommen hat: das Leben.

Auch die BILD-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“ hat Dominik und seine Familie im Kampf gegen die Krankheit unterstützt, hat für die Dauer des Klinikaufenthaltes Fahrt- und Unterbringungskosten für die Mutter übernommen. Und: Sobald der Junge aus der Klinik entlassen wird, bekommt er von „Ein Herz für Kinder“ ein Fahrrad geschenkt.

„Ein Herz für Kinder“

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