Von der Straße auf den OP-Tisch

Sonntagmorgen 8 Uhr: In Decken gehüllt wird der kleine Elakem (7 Monate) von seiner ganzen Familie in die Kinderherzchirurgie am Orotta-Hospital von Asmara gebracht. Seine Mutter (18) gibt dem kleinen Jungen noch einen Kuss auf die Stirn. Elakem weint bitterlich. Dann übernimmt Schwester Ingeborg.

Das Baby wird schnell gewaschen, wenige Minuten später liegt es im OP-Vorbereitungssaal. Dr. Kowald und zwei Anästhesieschwestern leiten die Narkose ein. Im OP steht der renommierte Herzspezialist und ehemalige Chefarzt vom Deutschen Kinderherzzentrum St. Augustin (DKHZ) Dr. Andreas Urban bereit, um das Leben von Elakem zu retten.

Der eritreische Junge leidet an einem schweren angeborenen Herzfehler, einem sogenannten Ventrikel-Septum-Defekt, der unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine behoben werden muss. Ohne die OP wäre die Lebenserwartung des Jungen nur sehr gering.

So wie Elakem kommen in Eritrea jährlich rund 1200 Neugeborene mit einem Herzfehler zur Welt, die ohne Behandlung keine Überlebenschance haben.

Video: Kindersterblichkeit in Eritrea

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8:20 Uhr: Dr. Urban öffnet den Thorax des Babys. Schritt für Schritt arbeitet er sich zu der Region des Herzens vor, wo der Fehler liegt. OP-Schwester Ute aus Leipzig reicht ihm die Instrumente. Der OP-Ablauf: generalstabsmäßig! Das Team aus Ärzten, Schwestern sowie Medizintechnikern aus Leipzig und St. Augustin ist perfekt eingespielt. Zwei Mal im Jahr kommen sie nach Asmara, um schwer herzkranke Kinder zu operieren.

Bis 2002 gab es für herzkranke Kinder in Eritrea kaum Hoffnung auf Heilung, denn Eingriffe vor Ort waren aufgrund eines fehlenden Operationszentrums nicht möglich. Die herzkranken Kinder für Operationen nach Deutschland zu holen, wäre viel zu teuer. Von den Kosten, die für eine OP in Deutschland entstehen, können in Eritrea rund 20 Kinder operiert werden.

Dr. Urban – seinerzeit noch für das Hammer-Forum tätig – entschloss sich deshalb in Asmara zusammen mit der Hilfsorganisation eine Kinderherzchirurgie zu etablieren. In kürzester Zeit entstand das Zentrum mit modernen OP-Sälen, einer Intensivstation mit Beatmungsplätzen, einer Intermediärstation sowie weiteren Funktionsräumen. Seitdem wurden rund 750 Kinder operiert und versorgt. Dr. Urban resümiert: „Die Erfolgsquote ist auch im Vergleich mit den besten Herz-Zentren der Welt bewundernswert: Nur sieben Kinder sterben nach der Operation, eine Überlebensrate von 98 Prozent! Ohne Herzchirurgie wären alle gestorben. Früher oder später.“

10 Uhr: Die Operation von Elakem kommt in eine entscheidende Phase. Die Herz-Lungen-Maschine wird eingeschaltet, übernimmt nun die Pumpfunktion des Herzens. Um den Defekt beheben zu können, ist es zwingend notwendig, dass das Herz nicht schlägt und auch kein Blut hindurchfließt.

Derweil sitzen die Mutter, die Tanten und der Großvater im Sand unter einem Baum vor der Klinik. Die junge Mutter ist ängstlich. Elakem ist ihr erstes Kind, der Vater hat die Familie verlassen, kurz nachdem bekannt wurde, dass das Baby nicht gesund zur Welt gekommen ist. Rückhalt findet sie nun in ihrer Familie. Wie gebannt starren alle auf den Klinikeingang. Sie warten auf Nachricht, wie die Operation verlaufen ist. Noch aber müssen sie sich gedulden.

Wenige Tage zuvor wartete die junge Mutter mit ihrem Sohn hier schon einmal – beim Screening, wo täglich rund 40 kleine Patienten untersucht werden. Die Eltern nehmen mit ihren kranken Kinder oft tagelange Fußmärsche zum Herzzentrum der Hoffnung auf sich. Nach den Untersuchungen entscheiden die Kardiologen, wer von den kleinen Patienten operiert werden kann und wer nicht. Zum Glück erwies sich der Herzfehler von Elakem als behandelbar. Der OP-Termin wurde festgelegt, die Mutter wurde unterrichtet, was sie vor der OP beachten muss. Das Wichtigste: Elakem muss nüchtern sein, darf 24 Stunden vorher keine Nahrung zu sich nehmen.

Dr. Anna Maria Brecher, die von Anfang an zum Herzteam gehört, erzählt: „Die Kinder kommen von der Straße direkt auf den OP-Tisch. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Eltern genau an unsere Anweisungen halten. Aber das klappte bislang immer sehr gut.“

12 Uhr: Es ist geschafft. Der Ventrikel-Septum-Defekt ist behoben. Die Herz-Lungen-Maschine kann abgestellt werden – der letzte kritische Moment. Alles läuft glatt. Mit Abschalten der Maschine fängt das Herz des Babys wieder an zu schlagen. Dr. Urban zufrieden: „Die Operation ist bilderbuchmäßig verlaufen.“ Das Baby ist gerettet. Jetzt muss nur noch der Brustkorb verschlossen werden.

Die Familie von Elakem wird informiert, die Mutter weint vor Glück, denn nun endlich hat sie die Gewissheit, dass ihr Junge wieder ganz gesund wird.

13 Uhr: Elakem wird vom Aufwachraum auf die Intensivstation gebracht, wo sich Dr. Brecher weiter um den Kleinen kümmert. Dr. Urban steht bereits wieder im OP, um einem anderen Kind das Leben zu retten. Wenig später darf die Mutter zu ihrem Sohn. Sanft streicht sie mit Tränen in den Augen über seine Stirn. Die Mutter wird noch einige Nächte vor dem Krankenhaus schlafen. Sie will ganz nah bei ihrem Sohn sein bis sie ihn dann gesund wieder mit nach Hause nehmen kann.

„Ein Herz für Kinder“ unterstützt die Arbeit von Dr. Urban und dem Verein Archemed, der inzwischen die Projektbetreuung vom Hammer-Forum übernommen hat. Die BILD-Hilfsorganisation bezahlte einen wichtigen Druckluftkompressor, der allen Stationen der Klinik zu Gute kommt.

„Ein Herz für Kinder“

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