BILD bei den Kindern des Krieges

Omar* (17) weiß nicht, wie viele Menschen er getötet hat. In den Jahren seines Lebens, in denen andere Jungs Fußball spielen oder sich zum ersten Mal verlieben, bediente er im Dschungel von Sri Lanka den Mörser. Er maß Wind und Entfernung, richtete den Granatwerfer aus, feuerte.

Später hörte er die Explosion in der Ferne, hörte Schreie, manchmal. Wie viele Menschen durch seine Granaten starben, das hat er sich nie gefragt; so schützt er seine geschundene Seele. Einmal aber, sagt Omar, habe er aus Versehen auf einen Hund geschossen. Er sah das Tier sterben. Er weinte die ganze Nacht.

Wir hören viele solcher Geschichten im Norden Sri Lankas. Geschichten von Kindern des Krieges, die Tod sahen und die töten mussten. Wir sind hier, um ihnen eine Stimme zu geben.

Seit wir die Militärsperre an der Landstraße 9 passierten, sehen wir keine Autos mehr, kaum noch Menschen. Häuser sind vernagelt, auf den Straßen schlafen Hunde, Soldaten mit Kalaschnikows blicken finster: Der Norden der Insel ist Sperrgebiet, Ausländer nicht erwünscht.

Niemand soll sehen, was passiert ist, seit die Armee den Bürgerkrieg gegen die Rebellen der „Tamilen- Tiger“ gewann, einen Krieg, der fast 30 Jahre dauerte und 100 000 Menschen das Leben nahm.

Wir dürfen nicht schreiben, wo wir Daya und die anderen Mädchen treffen. Sie sind in Sicherheit, aber sie haben Angst, dass jemand kommt, sie zu holen. Angst prägte ihre Kindheit, seit im November 2008 Bomben auf ihr Waisenhaus fielen.

142 Mädchen flohen in den Dschungel, die Älteren trugen die Kleinen, das jüngste Mädchen erst sechs Monate alt. Um sie herum war Feuer und Blut, und als sie zählten, da fehlten plötzlich 20. „Es gab sie nicht mehr“, sagt Daya.

Seelische Wunden sieht man nicht, körperliche schon: Anna steckt eine Kugel im Knie. Esha kann den verbrannten Arm nicht mehr beugen. Indira hat Anfälle wegen der Granatsplitter im Kopf.

Wir bitten die Mädchen, ihre Gedanken zu malen. Sie zeichnen Bilder von Leid und Tod: Gräber, Menschen in Flammen. Naina malt einen Fluss, darin eine Leiche, und daneben kniet ein Kind und trinkt. Riya malt nicht, sie mag nicht nachdenken. Sie sitzt auf einem Bett, neben ihr stehen Prothesen. Eine Granate riss ihr beide Unterschenkel ab.

Wir fahren nach Nordwesten, dort sehen wir die Flüchtlingslager: 250 000 Menschen hausen hier, sagt die Regierung. 300 000, sagen die wenigen Helfer, die Lager besuchen durften. Die Regierung halte die Zahlen klein, so falle nicht auf, wenn Menschen verschwinden.

Zwischen den Zivilisten verstecken sich Rebellen, sagt die Regierung, Tausende wurden schon ausgesiebt. Soldaten versperren uns den Weg zu den Lagern. Immerhin: Der Präsident hat versprochen, dass die Flüchtlinge im Dezember in ihre Heimatdörfer zurückdürfen.

Die Salesianer von Don Bosco, unterstützt von „Ein Herz für Kinder“, durften Kriegswaisen aus den Lagern holen. Hunderte werden in Heimen im ganzen Land versorgt, lernen ein Handwerk und was es heißt, frei zu sein. „Bei uns erfahren sie Liebe, Verständnis und dass sich Menschen für sie interessieren“, sagt Pater Anthony Pinto. „Für viele ist es das erste Mal in ihrem Leben.“

Omar nahm sein Glück selbst in die Hand. Eines Nachts schlich er davon. Er floh in den Süden, macht eine Lehre als Schreiner. „Aber jetzt ist der Krieg vorbei“, sagt Omar. „Ich muss heim, meine Eltern unterstützen.“ Zu Weihnachten, sagt er, werde er nach Hause gehen.

*alle Namen geändert

„Ein Herz für Kinder“

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