Sie wollte leben, doch der Krebs war stärker

15. Februar 2011 Berlin-Tegel: Tatiana (30) Sergey (39) kommen am Flughafen an, sie haben mehrere Taschen dabei, einen zusammengeklappten Buggy, der zugleich Symbol eines schmerzlichen Verlustes ist.

Sie starten die wohl schwerste Reise ihres Lebens. Sie fliegen zurück in ihre Heimatstadt Kiew (Ukraine). Zusammen! Und doch allein! Denn ihr einziges Kind, ihre über alles geliebte Tochter Lisa fehlt…

Der 15. Februar – es wäre auch Lisas dritter Geburtstag gewesen, den sie nicht mehr erlebte. Fünf Tage vorher hörte ihr Herz auf der Intensivstation der Charité in Berlin für immer auf zu schlagen. Vergebens wehrte sich das kleine, blonde Mädchen zwölf Monate tapfer gegen den Krebs.

DER BEGINN – TRÄNEN DER VERZWEIFLUNG!

Im Februar 2010 begann Lisas Leidensweg: Das Mädchen aus der Ukraine erkrankte an einer besonders aggressiven Form der Leukämie. Den Eltern riss diese Diagnose den Boden unter den Füßen weg. Eben noch war ihre Familie heil und glücklich – und dann von einer Sekunde auf die andere war nichts mehr so, wie es einmal war. Tatiana weinte viel in den ersten Wochen. Ihre Tränen hatten keinen Ort mehr. Der Schmerz, ihr Kind so leiden zu sehen, brannte sich in die Seele und war kaum auszuhalten. Doch für Lisa musste sie stark bleiben, denn ihr qualvoller, harter Kampf um das Überleben war ungleich schlimmer.

Wimmernd und voller Schmerzen verbrachte sie die ersten Monate in einen ukrainischen Krankenhaus. Ihre Wirbelkörper wurden durch den Blutkrebs angegriffen, eine Querschnittslähmung drohte. Deshalb musste sie ein enges Korsett tragen. Ihrem Papa konnte sie nur durch das Krankenhausfenster zuwinken. Sie musste isoliert werden, damit sie keine Infektion bekommt.

DIE REISE – TRÄNEN DER HOFFNUNG

„Ein Herz für Kinder“ wird auf das tragische Schicksal von Lisa aufmerksam und holt das todkranke Mädchen ins Helios-Klinikum Berlin-Buch. Am 27. Mai kommt Lisa mit ihren Eltern in Berlin Tegel an. Sie sitzt ihn ihrem Buggy, trägt einen Mundschutz. Für die Familie eine Reise der Hoffnung auf Rettung. Lisa Schicksal rührte Millionen. Viele spendeten, sodass ihre Behandlung in Berlin finanziert werden konnte. Die Mutter: „Als ich den Empfang in Deutschland gesehen habe, hab ich geweint. Wir haben jetzt noch mehr Hoffnung. Die Hilfe ist überwältigend. Wir danken allen, die geholfen haben, von ganzem Herzen.“

Prof. Dr. Lothar Schweigerer, einer der besten Kinderkrebsspezialisten Deutschlands, behandelte Lisa – zunächst mit einer hoch dosierten Chemotherapie.

DIE GUTE NACHRICHT – TRÄNEN DER FREUDE

Die Behandlung schlägt gut an. Im Spätsommer die gute Nachricht: „Lisa ist auf dem Weg der Heilung“, sagt Prof. Dr. Lothar Schweigerer. „Die Leukämie ist bei ihr im Moment nicht mehr nachweisbar. Auf eine Knochenmarktransplantation können wir verzichten. Wir gehen davon aus, dass sie wieder ganz gesund wird.“ Lisa durfte die Klinik schon verlassen, wohnte mit ihren Eltern in einer Wohnung auf dem Klinikgelände.

„Zwei Jahre lang werden wir noch in Deutschland bleiben“, sagt Mama Tatiana (30) vor wenigen Monaten. Lächelnd schaut sie zu, wie Lisa im Garten mit Seifenblasen spielt. „Wir sind unendlich dankbar“, sagt sie. „Alle, die gespendet haben, haben Lisa ein neues Leben geschenkt.“ Drei deutsche Wörter hat das ukrainische Mädchen schon gelernt: „hallo“, „danke“ und „tschüss“.

Alle zwei Wochen musste Lisa noch zum Arzt. Sie bekam eine abgeschwächte Form der Chemotherapie. Lisa genoss ihr neues Leben. Ihre Mama: „Sie isst gern, am liebsten Obst und Kekse! Sie liebt Plüschtiere – und Motorräder!“

DER RÜCKFALL – TRÄNEN DER ANGST

Zunächst sah alles gut aus. Doch dem Sommer der Hoffnung folgt ein Winter der Tränen, der Verzweiflung, der Isolation. Prof. Schweigerer: „Während der Behandlung kam es zu einem Rückfall. Und das ist immer ein ungünstiges Zeichen.“

Der Krebs kam zurück! Wieder dieses Grauen! Wieder diese Höllenqualen! Wieder Tabletten, Infusionen, Spritzen!

Tatjana: „Für uns war das ein großer Schock. In der ersten Phase der Chemotherapie ging es meiner Tochter sehr schlecht. Sie hat viel geweint. Durch das Morphium hatte sie zwar keine Schmerzen mehr, aber sie war immer sehr müde und fühlte sich sehr verloren.“ Zärtlich streichelt die Mutter das kahle Köpfen ihrer kleinen Tochter, so als wäre es das Elexier, dass sie am Leben hält.

Lisas letzte Chance: Eine Knochenmarktransplantation. Prof. Schweigerer und sein Team bereiteten Lisa mit einer Chemotherapie auf den Eingriff vor, der an der Charité durchgeführt werden sollte. Und es gab ein Fünkchen Hoffnung, denn ein geeigneter Spender konnte gefunden werden. Lisas Eltern waren erleichtert, ihre Hoffnung war wieder größer als die Angst, ihr einziges Kind verlieren zu können.

DAS ENDE – TRÄNEN DER TRAUER

Die Kollegen der Charité hatten die Behandlung von Lisa übernommen, da eine Knochenmarktransplantation am Helios-Klinikum nicht durchgeführt werden kann. Für die Vorbereitung des Eingriffs musste ihr Immunsystem komplett heruntergefahren werden, damit der Körper das fremde Knochenmark annimmt. Alle Vorbereitungen liefen, doch dann hatte Lisa plötzlich hohes Fieber, hustete stark. Sie bekam eine Lungenentzündung. Ihr zarter, zerbrechlicher Körper – geschwächt durch die zwölfmonatige Krebstherapie – konnte der Infektion nichts entgegensetzen. Was bleibt, ist ein Meer aus Tränen. Tränen um ein Kind, das viel zu früh diese Welt verlassen musste – geweint von ihren Eltern, die das Liebste, das Wertvollste ihres Lebens verloren haben.

Am 16. Februar haben die Eltern, Freunde und Verwandte auf dem Berkovtsy-Friedhof in Kiew Lisa auf ihrer letzten Reise begleitet. Auf Wiedersehen, kleine Lisa – es ist kein Abschied für immer, du bleibt weiter mit uns und unter uns.

Das Gute fliegt jetzt davon, dorthin, wo alles nicht immer in die Vergangenheit fällt, sondern täglich auf- und untergeht wie die Sonne.“ (Erich Fried)

„Ein Herz für Kinder“

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