Mädchentötung in Indien

„Ein König mit fünf Töchtern wird ein Bettler sein.“

Es ist die brutalste Volksweisheit der Welt. Wer an sie glaubt, wird leicht zum Mörder.

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Abitha ist ein Mädchen, geboren nahe der südindischen Millionenstadt Madurai. Erst nach einem Monat gaben die Eltern ihr ihren richtigen Namen. Vorher lohnt es sich kaum – zu viele Babys sterben hier in den ersten vier Wochen (vor allem an Durchfall durch verseuchtes Wasser).

Es ist noch nicht lange her, da hätte Abitha (heute 4) kaum eine Chance gehabt, überhaupt die ersten 24 Stunden zu überstehen – als zweite Tochter von Vater Nallusany (35) und Mutter Crandhiammal (30).

Die Bildungsprogramme der „Andheri-Hilfe“ erfassten in den letzten 15 Jahren 150 Dörfer, mehr als 10 000 Mädchen konnten nachweislich leben bzw. überleben (Foto: Privat)
Die Bildungsprogramme der „Andheri-Hilfe“ erfassten in den letzten 15 Jahren 150 Dörfer, mehr als 10 000 Mädchen konnten nachweislich leben bzw. überleben (Foto: Privat)

Mädchen ist in Indien ein anderes Wort für Armut. Denn auch wenn es verboten ist, gilt hier weiter: Kein Mädchen wird ohne Geld einen Mann finden. Die Brauteltern zahlen die Hochzeit und die Mitgift. Ein Sohn bedeutet für die Eltern also Einnahmen, ein Mädchen nur Ausgaben!
Unter 20 000 Rupien (knapp 300 Euro) ist eine Hochzeit nicht zu haben. Das ist ein Vermögen für einen Mann wie Nallusany. Als Tagelöhner verdient er in einem Dorf bei Madurai an guten Tagen umgerechnet knapp einen Euro. Und es gibt viele Wochen, die nur schlechte Tage haben, sagt Nallusany.

Das Zuhause der kleinen Familie: EINE HÜTTE MIT KNAPP ZEHN QUADRATMETERN, KEINE BETTEN, GESCHLAFEN WIRD AUF DEM NACKTEN LEHMBODEN. Ein drittes Kind wird es hier nicht geben – es hätte ja wieder ein Mädchen werden können. Deshalb entschied die Schwiegermutter, dass Crandhiammal sterilisiert wird.

Das klingt vernünftig für Menschen, die vor wenigen Jahren noch neugeborene Mädchen von der Hebamme töten ließen.

Seit 1967 engagiert sich Rosi Gollmann mit ihrer „Andheri-Hilfe“ in Indien, unterstützt Projekte, die Müttern von Mädchen Hilfe anbieten – die Kinder werden betreut, erhalte Schulbildung (Foto: Privat)
Seit 1967 engagiert sich Rosi Gollmann mit ihrer „Andheri-Hilfe“ in Indien, unterstützt Projekte, die Müttern von Mädchen Hilfe anbieten – die Kinder werden betreut, erhalte Schulbildung (Foto: Privat)

„Es gibt 14 verschiedene Wege, um die Babys zu töten“, erzählt Perumal (70). Seit über 50 Jahren arbeitete sie als „Thai“, als Hebamme, im Dorf. Sie hat die Babys nicht gezählt, denen sie giftige Pflanzenmilch einflößte, große Samenkerne in die Luftröhre schob oder sie nass eingewickelt vor den Ventilator legte. Sie denkt, es waren über 500. „Es muss immer wie ein Unfall aussehen, damit du keine Sünde auf dich lädst.“

Perumal, eine Mörderin? Sie kennt dieses Gefühl von Schuld nicht. „Es ist nicht meine Entscheidung. Die Schwiegermütter sagen, ob das Kind leben oder sterben soll. Ich bin nur die ausführende Hand.“ Es ist nicht die Hand Gottes – es ist die Hand des Teufels!

Heute engagiert sich Perumal in einer der Frauengruppen im Ort. Die von der Andheri-Hilfe unterstützten Gruppen kämpfen gegen die Mädchentötung. Sie klären auf und geben Geld, damit die Eltern ein Mädchen nicht als Belastung, sondern sogar als Gewinn sehen.

Auch Abitha hat ihr Leben diesem Kampf zu verdanken. „Abitha ist schon mein drittes Mädchen“, sagt Crandhiammal. „Sie heißt so, wie ihre große Schwester hätte heißen sollen. Aber sie haben sie mir gleich nach der Geburt weggenommen.“

Mutter Crandhiammal geht mit uns und ihren beiden Töchtern vor die Hütte, zeigt auf einen Stein vor der Tür. „Da liegt sie begraben, mein ,chinna papa‘ – mein kleines Baby. So ist sie mir immer ganz nah.“

Die Mutter weint. Nicht weil sie am Grab ihrer ermordeten Tochter steht, sondern weil sie ihre beiden Töchter fest in den Arm nimmt (was der Vater nie tut!). „Meine Töchter tun mir so leid. Ich würde ihnen so gerne ein gutes Leben wünschen. Aber sie sind Mädchen.“

★★★

Rosi Gollmann kämpft für Mädchen in Indien

Seit 1967 engagiert sich Rosi Gollmann (82) mit ihrer „Andheri-Hilfe“ in Indien, unterstützt Projekte, die Müttern von Mädchen Hilfe anbieten. 2002 verlieh „Ein Herz für Kinder“ Rosi Gollmann das „Goldene Herz“ für ihren Einsatz. Bei dem von der „Andheri-Hilfe“ initiierten Präventionsprogramm, dass „Ein Herz für Kinder“ auch in 2014 unterstützt, konnten in den letzten 15 Jahren 150 Dörfer erfasst werden, mehr als 10000 Mädchen konnten nachweislich leben bzw. überleben.

Bei dem Projekt werden Maßnahmen zur Aufklärung und Bewusstseinsbildung in den Dörfern durchgeführt. Der Aufbau von Frauenselbsthilfegruppen wird gefördert und Frauen beim Kampf für ihre Rechte unterstützt. Familien erhalten beispielsweise bei der Geburt einer Tochter Kokospalmsetzlinge und Ziegen, so dass  sie Geld erwirtschaften können. Auch die Männer werden erfolgreich in die Projektarbeit integriert. Die Ausbildung der Mädchen wird durch Vorschulerziehung, Schulbesuch bis hin zum Erlernen eines Berufes unterstützt. Rund 4000 Familien werden dabei erreicht.

 

„Ein Herz für Kinder“

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