Wie Schüler mit Mentoren lesen lernen

„Anne tatzelt…”, bemüht sich Dustin mit leiser Stimme. „Anne tatschelt.” „Langsamer”, rät seine Mentorin. Der Neunjährige holt Luft und setzt erneut den Finger auf das Übungsbuch: „Anne tätschelt den rauen Rücken des Kamels”, sagt er und grinst. „Jetzt bist du dran mit Vorlesen.” Du, das ist Anja Osen, Dustins ehrenamtliche Lesepatin. Abwechselnd liest die 50-Jährige mit ihrem Schützling aus einem Kinderbuch, alleine in dem Spielzimmer einer Grundschule in Hamburg-Eidelstedt, ohne die Beobachtung von Lehrern oder Mitschülern.

Volle Konzentration auf einen Schüler – das ist die Devise des Vereins „Mentor – Die Leselernhelfer”, der 2014 sein zehnjähriges Bestehen feiert. „Lesen ist die Basis für alles weitere”, sagt Osen, die sich seit drei Jahren für den Verein engagiert. „Wer nicht lesen kann, ist komplett aufgeschmissen.”

Video Mentor e.V.

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Gegründet wurde die „Mentor”-Initiative 2003 von Otto Stender, einem Hannoveraner Buchhändler, der sich über die schlechten Pisa-Ergebnisse deutscher Schüler geärgert hatte. Die Hamburger Dependance folgte wenige Monate später. Denn in der Hansestadt besteht Nachholbedarf: Beim letzten bundesweiten Vergleich der Lesekompetenz 2011 lagen Hamburgs Grundschüler nur auf Rang 14.

„Mentor” will das ändern. In lockerer Atmosphäre sollen sich die Kinder entfalten können, es wagen, laut vorzulesen und dadurch gleichzeitig an Selbstbewusstsein gewinnen. 780 Lesehelfer gibt es inzwischen allein in Hamburg. 3000 Kinder aus 100 Schulen wurden nach Vereinsangaben bereits betreut. 2400 von ihnen hätten ihre schulischen Leistungen fächerübergreifend verbessert, heißt es.

Damit die Betreuung Erfolg hat, bedarf es einer engen Zusammenarbeit mit den Schulen. Denn wer die Leseförderung erhält, entscheiden zunächst die Lehrer. Sie schlagen den Kindern das Programm vor, anschließend suchen sie gemeinsam mit den Eltern und dem Verein nach einem passenden Mentor.

„Ein Herz für Kinder“ unterstützt die ehrenamtlichen Mentoren seit Jahren und so auch 2014, damit sie ihre wichtige Arbeit fortsetzen und weitere Kinder für das Lesen begeistern können.

In den Übungsstunden wird dabei nicht wie im Unterricht gepaukt. Mentorin Osen etwa verbringt die Hälfte der Zeit damit, mit Dustin zu spielen oder sich mit ihm zu unterhalten. Das sei nötig, weil es viele Kinder große Überwindung koste, einen Text laut vorzulesen, sagt Osen. „Wir machen keine Nachhilfe, wir haben auch keinen Lehrauftrag. Wir wollen den Spaß am Lesen vermitteln.”

Geld erhalten die Helfer nicht, dafür bietet der Verein ihnen Fortbildungen und Hilfe bei der Beschaffung von Lernmaterial an. Die Schüler erhalten zudem zur Motivation bunte Pappzettel. Wie auf einer Bonuskarte können die Kinder darauf nach jeder Lesestunde ein Kästchen ausmalen – nach 20 Stunden ist die erste Karte voll und der Status „Lesefloh” erreicht. Wer nach einem Schuljahr 40 Stunden geschafft hat, darf sich „Leseratte” nennen.

„Oft geht es aber auch darum, die Schüler in den Mittagspausen an den Ganztagsschulen zu betreuen. Dann gehen wir mal raus oder basteln etwas, bevor wir lesen”, sagt Osen. „Die Kunst ist es, herauszufinden, wie weit ein Lesekind schon ist.” Manche Einwandererkinder hätten noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, anderen kämen aus Familien, in denen es schlicht keine Bücher gebe. Mit Zwischenfragen testet Osen dann, ob das Vorgelesene auch verstanden wird.

Dustin ist da schon einen großen Schritt weiter. Eine Stunde noch, dann darf auch er sich „Leseratte” nennen. Nach dem Jahr mit Frau Osen mache ihm das Lesen mehr Spaß als früher, sagt er. Und die Bücherreihe aus den Förderstunden lese er mittlerweile sogar auch zu Hause – freiwillig, wie er betont.

„Ein Herz für Kinder“

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