Sarah (10) muss im Altenheim leben

Der Seniorenwohnpark in Landshut: In den Fluren riecht es nach Sellerie und Kartoffelpüree. Der Fußboden, graues Linoleum, ist frisch gewienert. 156 Betten, 70 Senioren, 50 Pflegefälle. Sarahs Zimmer liegt im Erdgeschoss, Nummer 106. Sarah ist erst 10 Jahre alt.

Wie kommt ein Kind ins Altenheim?

Vor einem Jahr hat das Schicksal Sarah die Zukunft geraubt. Ihre Mutter verunglückte bei einem Autounfall. Am Steuer: Sepp, ihr Lebensgefährte, betrunken. Seitdem ist Beate Pöhlmann (38) gelähmt – von den Achseln abwärts.

„Mama, kannst du nie wieder tanzen?“, fragte Sarah, als die Mutter aus dem Koma erwachte. „Nein, Schnecke.“ Beate Pöhlmann hätte ihr Kind gern in die Arme genommen. Doch die lagen reglos neben ihrem Körper. Sarah schrie, schluchzte, weinte.

Heute hat sie keine Tränen mehr. Heute sitzt Sarah mit fünf Senioren im Speisesaal an der Professor-Schmidt-Straße. „Hallo, Frau Bosch.“ Keine Antwort. Ihre Lieblingsoma (79) ist vor zwei Wochen gestürzt, seitdem verwirrt. Der greise Tischnachbar verschüttet Kaffee. Im Radio dudelt Volksmusik.

Zu Hause haben sie immer Hardrock gehört, sind wild durch die Wohnung getanzt. Aus und vorbei! Als Sarahs Mutter aus der Klinik kam, hatte die Familie die Wohnung schon aufgelöst – ein ganzes Kinderleben einfach in 58 Kartons verpackt.

Zurück ins Heim: Eine Dame aus dem 1. Stock hat Geburtstag. Sie wird 90. Sarah schleicht auf Socken durch den Gang. Hat sie gratuliert? „Nein.“ Sie schüttelt heftig den Kopf. Der Arzt war da. „Die stirbt.“

Sie flüchtet in ihr Zimmer. Die Tür knallt. Aus dem Bett schimpft die Mutter: „Pssst, nicht so laut!“ Dann: „Schatz, hilfst du mir beim Trinken?“

Mutter und Tochter – sie haben nur noch sich.

Sarahs Vater starb vor fünf Jahren. Der Lebensgefährte ließ die beiden nach dem Unfall im Stich: „Schatz, du kannst ja nicht mal mehr in der Nase popeln.“ Er kommt bald vor Gericht.

Das schafft Genugtuung, löst aber keine Probleme: Pflegestufe III, 79 Euro Rente, 150 Euro Halbwaisenrente. Beate Pöhlmann ist verbittert: „Wer will uns schon haben?“

Vor ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus hatte sie tagelang telefoniert, suchte verzweifelt eine Bleibe. Behindertenheime, Wohnungsgesellschaften, das Rote Kreuz – kein Platz. Dann die Zusage vom Seniorenheim.

Doch Sarah hatte keine Winterkleidung, keine warmen Schuhe. Eine Freundin schickte einen Hilferuf an BILD. Ein „Herz für Kinder“ half sofort, kaufte einen warmen Mantel, Hosen und Pullover, schenkte ihr neue Spielsachen. BILD veranlasste außerdem, dass die Krankenkasse einen Rollstuhl zahlte und rief den Bürgermeister von Landshut an: „Es muss ganz schnell eine Wohnung her.“

Aber wie lange hält es Sarah noch im Altenheim aus?

Sie schläft neben ihrer Mutter, hat Harry-Potter-Bettwäsche. An der weißen Wand hängt ein Poster von Daniel Küblböck.

Manchmal düst sie in einem Rollstuhl durch die Gänge. Zwei Rentnerinnen lächeln. Ein Rentner hebt empört den Gehstock. Schwester Christine schreit: „Zieh endlich Schuhe an.“ Eigentlich fast wie zu Hause.

Wirklich? Sarah trotzig: „Nein! In der Schule guckt die Lehrerin immer so mitleidig, und die Jungen lachen mich aus. Bald verklopp ich die…“

„Ein Herz für Kinder“

BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“
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