Die Nacht, in der ich zum 2. Mal geboren wurde

Das Leben erobern, Abitur machen, Fußball-Profi werden. Das waren die Dinge, die Seymour Kunigiskis im Sommer 2006 beschäftigten – dann wurde er todkrank. Eine Muskelentzündung hatte sein Herz zerstört, am Leben hielt den Schüler nur noch ein Kunstherz.

Zwei Schläuche in der Brust, eine Plastikschnecke ersetzte die linke Herzkammer. Angetrieben wurde das System durch einen zwölf Kilo schweren Kompressor. Seymour zog ihn wie eine Kanonenkugel hinter sich her. Monatelang stand er auf der Hochdringlichkeitsliste der Zentralen Vergabestelle für Organe – doch Seymours Blutgruppe 0 negativ haben nur wenige Prozent der Weltbevölkerung. Seine Chancen waren fast null. Rund ein Jahr lang erlebte er im Herzzentrum von Bad Oeynhausen (NRW) wie andere Menschen transplantiert, kurz darauf gesund entlassen wurden.

Seymours Zeit wurde knapp. Mit seinem Kunstherzsystem hat kein Mensch länger als 600 Tage gelebt. An seinem 592. Tag schenkte ein anderer Mensch Seymour ein Herz. Die dramatische Nacht der Transplantation – Seymour, seine Mutter und sein Arzt, wie sie sie erlebten.

Der Patient erzählt: „Seit 592 Tagen tickte in meiner Brust eine Zeitbombe. Ich hatte es so satt. Immer wurden andere Patienten transplantiert und meine Überlebenszeit wurde immer knapper. Die Angst, sterben zu müssen – nachts war sie am schlimmsten. Die Kondensstreifen am Himmel hatte ich als Zeichen gedeutet. Aber niemand kam. Irgendwann wurde es zu kalt und ich ging auf mein Zimmer. Es war so gegen 23 Uhr. Ich saß noch am Laptop und schrieb ein bisschen mit Freunden. Plötzlich klopfte es und der diensthabende Arzt kam rein, meine Akte unterm Arm. Er sagte mir, dass ein Angebot für ein Spenderherz vorliegen würde.

Wie oft hatte ich mir das ausgemalt – dass endlich jemand kommt, diese Worte ausspricht. Ich hatte gedacht, ich würde mega-aufgeregt sein, aber ich wurde ganz ruhig.

Das Transplantationsteam war bereits auf dem Weg in die Entnahmeklinik. Wenn mit dem Herz etwas nicht stimmte, würde alles abgeblasen. Ich weiß nicht, wie ich diese Enttäuschung verkraftet hätte. Ich zwang mich, mir nicht zu große Hoffnungen zu machen. Ich rief meine Mutter an. Sie hatte schon geschlafen. Als ich ihr sagte, dass es ein Angebot für mich gebe, fing sie fürchterlich zu weinen an. Sie versprach, sofort zu kommen.

Es war, als würde ich einen Film schauen: Ein Pfleger brachte mir ein Beruhigungsmittel. Er half mir beim Waschen und Rasieren und klebte meinen Brustkorb mit sterilen Tüchern und Folien ab, um das Infektionsrisiko einzudämmen. Im fahlen Neonlicht des Badezimmers sah ich ihm dabei zu. Mein Gesicht im Spiegel war völlig ausdruckslos.

Ich bekam ein OP-Hemd mit bunten Quadraten. Dann legten sie mir die ersten Zugänge und gaben mir darüber Medikamente, die mein Immunsystem unterdrücken sollten, damit es das Organ nicht sofort abstößt. Mein Kopf war wie leergefegt. Durch die Untersuchungen und Vorbereitungen verging die Zeit schnell. Mittlerweile war es 1.45 Uhr. Ich unterschrieb, dass ich mit der Transplantation einverstanden war.

Aber noch immer gab es kein Okay aus der Entnahmeklinik. Ich nahm alles wie durch Watte wahr. Gegen 2 Uhr schoben mich die Schwestern in meinem Bett Richtung OP. Kurz vor der Schleuse kam meine Mutter angerannt. Ich war froh, sie zu sehen. Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Sie hat mich immer ermutigt, nicht aufzugeben, den Glauben nicht zu verlieren.

Im OP-Vorbereitungsraum machten die Pfleger Scherze. Sie versuchten, mich abzulenken. Was sie sagten, nahm ich nicht wahr. Ich betete. Ich wollte diese Chance. Ich hatte sie verdient. Auf einmal trat jemand neben mich und sagte: ,Das Herz ist auf dem Weg zu dir, Seymour.‘ Ich weiß nicht, wer es war, aber ich griff nach der Hand dieses Menschen und drückte sie. Dann verliert sich meine Erinnerung.

Zwei Tage später wachte ich auf der Intensivstation auf. Ich hatte starke Schmerzen, mir war übel. An meinem Bett saß meine Mutter mit Mundschutz, Kittel und Haube. Seymi, es ist alles ist gut, sagte sie. Da habe ich geweint.“

Der Chirurg erzählt: „Endlich ist dieser Junge dran, dachte ich, als mich das Herzzentrum gegen 22.30 Uhr anrief. Ich war zu Hause, fuhr sofort los. Durch die lange Zeit, die Seymour bei uns war, hatte ich eine engere Beziehung zu ihm als zu den anderen Patienten. Wie tapfer er war, hat mir imponiert.

Ich bin mit dem Hubschrauber in die Entnahmeklinik geflogen, um mich zu vergewissern, dass das Herz funktionstüchtig und gesund ist. Der Spender war ein hirntoter junger Mann mit Seymours Blutgruppe. Ich habe das Herz entnommen, es steril verpackt und in eine Kühlbox gelegt. Dann stieg ich wieder in den Hubschrauber. Seymour lag auf dem Tisch. Er war bereits betäubt, wurde künstlich beatmet. Kurz vor 3 Uhr habe ich mit der Transplantation begonnen.

Zunächst habe ich Seymours Brustkorb aufgeschnitten und sein Brustbein aufgesägt, um an sein krankes Herz zu kommen, und es an die Herz-Lungen-Maschine anzuschließen. Dafür werden die Aorta, die obere und untere Körpervene abgeklemmt und mit je einer Kanüle versehen. Stellvertretend für das Herz versorgt die Maschine das Blut mit Sauerstoff und pumpt es durch den Körper. Erst dann habe ich Seymours krankes Herz rausgeschnitten.

Es war groß wie zwei Fäuste, doppelt so groß wie ein gesundes Organ. Mit seinem Herzen wäre der Junge nie mehr gesund geworden. Ich habe das Spenderherz zurechtgeschnitten und es an die alten Vorhöfe angenäht. Das Herz kommt gekühlt in den Brustkorb. Macht man die Hauptschlagader auf und lässt es durchbluten, ist es nach etwa 30 Minuten warm. Anschließend habe ich die Herz-Lungen-Maschine langsam zurückgefahren. Das Gerät pumpt am Anfang fünf Liter Blut pro Minute durch das Herz. Je mehr man dieses Volumen reduziert, desto mehr muss das Spenderherz mitpumpen.

Und dann kam dieser eine magische Moment, der während einer Herztransplantation alles entscheidet: Wenn das Spenderherz zum ersten Mal allein pumpen muss. Die Uhr zeigte 5.55 Uhr, als wir alle den Atem anhielten, den Blick fest auf Seymours Brust gerichtet. Ich habe selten ein Herz so kraftvoll schlagen sehen.“

Die Mutter erzählt: „Ich war früh ins Bett gegangen. Das Telefon lag auf dem Nachttisch. Seit fast zwei Jahren hatte ich es immer bei mir, um nicht den Anruf zu verpassen, dass sie endlich ein Herz für meinen todkranken Sohn hätten. Es war kurz nach 23 Uhr, als mich das Klingeln aus dem Schlaf riss. Ich hörte Seymis Stimme am anderen Ende: ,Mama, es ist so weit‘, sagte er. Ich war verschlafen, verstand nicht sofort, was er meinte. ,Mensch, Mama, sie haben ein Herz für mich!‘

Wenn ich an diese Worte zurückdenke – die Welt stand still. Dann habe ich nur noch geweint. Kurz danach saß ich im Auto, eine Freundin fuhr mich. Die Strecke nach Bad Oeynhausen, ich war sie so oft gefahren, aber in dieser Nacht kamen mir die 284 Kilometer ewig vor. Ich betete, dass das Herz passen würde, ich Seymi noch sehen könnte.

Um 1.50 Uhr kamen wir an. Ich bin losgerannt, durchs Treppenhaus, den Flur entlang und sah, wie sie Seymour Richtung OP schoben. Ich habe mich über ihn gebeugt, ihn geküsst, ihm gesagt, wie lieb ich ihn hab. Er hat mich noch angemeckert, dass er schon steril sei. Da haben wir gelacht – das war schön.

Als die Türen längst hinter ihm verschlossen waren, habe ich noch an der Wand gelehnt, ihm nachgesehen. Noch immer wusste keiner, ob die OP überhaupt stattfinden würde.

Erst gegen 3 Uhr öffnete sich die Automatiktür wieder. ,Es geht los‘, sagte ein Pfleger. Ich fühlte mich fast ohnmächtig vor Glück. Jetzt ist dieser ganze Horror endlich vorbei, habe ich gedacht. Vorbei dieser Schmerz, meinen Sohn leiden zu sehen. Vorbei die Angst, dass er sterben könnte. Vorbei die Hilflosigkeit, dass ich nichts tun könnte, um ihn zu retten. Dass etwas schiefgehen könnte, daran habe ich nicht eine Sekunde gedacht. Ich spürte keine Angst.

Ich setzte mich auf einen Sessel, starrte auf die Wand gegenüber. Gegen zehn vor vier sah ich einen Mann mit einer blauen Kühlbox Richtung OP-Saal gehen. Da habe ich vor Aufregung gezittert. Etwa zwanzig Minuten später kam ein anderer Arzt mit einer Box raus. Sie sah aus wie eine Tupperdose.

Er sagte mir, dass darin Seymours krankes Herz sei. Es war eine unheimliche Situation, aber ich wollte es sehen. Es war riesig, ohne Farbe und durchlöchert. Diesen Anblick würde ich mir nicht noch einmal zumuten. Zwischendurch wurde ich immer wieder über den OP-Verlauf informiert. Für jedes aufmunternde Lächeln war ich dankbar. Um kurz nach sieben kamen die Ärzte durch die Tür. Dr. Morshuis gratulierte mir zu der zweiten Geburt meines Sohnes.“

UND NOCH MAL SPRICHT SEYMOUR, DER GERETTETE PATIENT: „Mir geht es gut. Ich muss jeden Tag 20 Tabletten nehmen, die vermeiden sollen, dass das Herz noch abgestoßen werden könnte. Bislang ist der Grad der Abstoßung null. Ich bin dankbar, dass ich leben darf. Aber manchmal liege ich nachts im Bett und weine. Ich weine um den Menschen, der sterben musste, damit ich weiterleben kann.“

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