Das Mädchen aus der Bomben-Hölle

Wenn ein einziges Foto für die Tragödie Afghanistans steht, dann ist es dieses: Ein junges Mädchen, Blut auf der festlichen Kleidung. Entsetzen, Furcht im Gesicht. Tarana, zwölf Jahre alt, schreit um Hilfe.

Vor ihr liegt ihr toter Bruder, neben ihr kniet ihre blutende ältere Schwester. Ihre jüngere Schwester krümmt sich daneben verletzt am Boden.

Dieses Foto entstand am 6. Dezember in Kabul, nur wenige Augenblicke nach einem Selbstmordanschlag vor einer Moschee. Familien warteten dort auf das Gebet. Acht Kilo Stahlkugeln hatte der Attentäter in seine Bombe gefüllt, 80 Menschen riss er in den Tod.

Das Foto der schreienden Tarana ging um die Welt. BILD druckte es, es erschien auf den Titelseiten von „New York Times“ und „Washington Post“.

In Kabul fand BILD Tarana, die das Blutbad überlebte. Sie erzählt: „Ich habe die Stimme des Attentäters gehört. Er rief, man solle ihm das Tor der Moschee öffnen. Dann gab es einen Knall. Mein kleiner Bruder wurde in einen Graben geschleudert.“

Glühend heiße Stahlkugeln bohren sich in Taranas Beine. „Ich habe in dem Moment keine Schmerzen gefühlt“, sagt sie. „Ich habe gesehen, wie mein Bruder tot vor mir lag, und um Hilfe geschrien. Ich wollte, dass jemand ihn aufhebt.“

Was glaubt Sie, wo Ihr Bruder Shoib († 2) jetzt ist? „Im Paradies“, sagt Tarana.

Mit ihrer Familie wohnt Tarana in einem der ärmsten Viertel von Kabul. Lehmbauten, keine Kanalisation. Bei Dämmerung spritzen sich Obdachlose in den Gassen billiges Heroin. Tarana liegt in Decken gehüllt auf einer Matratze, ihre Beinverbände sind unbeholfen gewickelt. Nur ein Radiator wärmt den Raum ein bisschen.

„In diesem Zimmer haben wir uns oft mit der ganzen Familie zum Abendessen getroffen“, sagt Taranas Vater Ahmed (37). „Sieben Verwandte haben wir bei dem Anschlag verloren, mein einziger Sohn ist tot. Und noch mal sieben sind schwer verletzt. Ich bin traurig, weil es jetzt so still ist in meinem Haus.“

Tarana versteht nicht, was es heißt, dass Menschen auf der ganzen Welt ihr Foto gesehen haben. Wir fragen sie, was sie anderen Kindern über ihr Leben und den Anschlag erzählen würde.

„Ich würde ihnen sagen, dass wir nur beten wollten“, sagt Tarana. „Dass ich große Angst hatte. Und dass ich in der Schule am liebsten Persisch, Mathematik und Kunst mag und Ärztin werden will.“

Die Selbstmordbombe explodierte nur wenige Stunden nach der Bonn-Konferenz, wo Politiker, Außenminister, der afghanische Präsident über „Frieden“ und „Gesundheitsversorgung“ sprachen.

Aber die Wahrheit ist: Nach einem Jahrzehnt Afghanistan-Einsatz und Milliardenhilfen gibt es niemanden, der für Taranas Schmerzmittel zahlt.

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