Vom Straßenkind zum Azubi des Jahres

Victor (28) nimmt Töchterchen Frida (2) auf den Arm, küsst Ehefrau Wiebke (29, Sozialpädagogin) zum Abschied. Die Kita hat heute zu, deshalb übernimmt Victor den Vormittag, Wiebke den Nachmittag. Vermutlich werden beide mit Frida in der gemütlichen Altbau-Wohnung spielen, denn da draußen ist typisches Hamburger Schiet-Wetter, der Regen prasselt an die Scheiben.

Eine ganz normale, norddeutsche Familie? Fast.

Fridas Papa stammt, wie rund 35000 andere Menschen in Deutschland, aus Ghana. Was man dem jungen Mann, der heute Marken-Pulli zu Blue Jeans trägt, nicht mehr ansieht, ist seine eigene Kindheit – die das Gegenteil war von dem, was Frida gerade genießt.

Victor lebte als Kind jahrelang auf der Straße. Allein. Er ernährte sich von Essensresten aus dem Mülleimer, schlief auf Pappen vor geschlossenen Supermärkten, kaufte sich einmal im Monat von erbetteltem Geld ein T-Shirt, das er so lange trug, bis es zum Himmel stank. Doch Victor schaffte es, dem Elend zu entkommen.

Victor als kleiner Junge. Hier lebte er noch bei seiner Mutter. Nur ein paar Jahre später landete er auf der Straße
Foto: privat

„Bis ich sieben war, war mein Leben okay“, erzählt Victor, der in Ghanas Hauptstadt Accra geboren wurde, und in seinen ersten Lebensjahren mit seiner Mutter und der Oma in einem kleinen Dorf an der Grenze zu Togo zusammenlebte. „Dann aber wurde meine Mama schwer krank, ich musste zu meinem Vater nach Accra ziehen. Der war neu verheiratet, und ich hatte es nicht leicht mit meiner Stiefmutter und den neuen Geschwistern.“

Als Victor eines Tages verdächtigt wird, etwas gestohlen zu haben, beschließt er, davon zu laufen.

„Ich wurde obdachlos, wie etwa 60 000 andere Kinder in Accra. Die meisten verkauften Drogen, gingen auf den Strich oder klauten, aber ich hatte vor all dem Angst. Also führte ich blinde Menschen durch die Gegend, konnte mir von dem Taschengeld, das ich dafür bekam, manchmal etwas zu Essen kaufen“, erzählt er. „Aber wenn der Hunger zu groß war, dann aß ich auch das, was andere wegwarfen.“ Dennoch ist er unterernährt, wie viele andere Straßenkinder, die zudem teilweise an schweren Krankheiten wie Typhus, Cholera oder Malaria leiden – medizinische Versorgung gibt es für sie nicht.

Nach drei Jahren als Straßenkind landet Victor im „Kinder Paradise“ – einer Einrichtung, die 1998 von der Ostfriesländerin Silke Rösner (55) gegründet wurde und sich für die Re-Integration von Waisen und Straßenkindern einsetzt. Seit Jahren schon wird das Projekt auch von der BILD-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“ unterstützt.

„Als Victor zu uns kam, bekam er durch seine ruhige und safte Art sehr schnell Anschluss“, erzählt Silke Rösner, „er hatte einen guten Umgang mit dem Personal und ein liebevolles Verhältnis zu den anderen Kindern im Heim und war immer sehr zielstrebig.“

Tatsächlich ist das „Kinder Paradise“ Victors Rettung. In dem Kinderheim hat er endlich wieder das Gefühl, eine Art Familie zu haben. Er geht zur Schule, macht eine Ausbildung und seinen Führerschein – und hilft später ehrenamtlich als Fahrer für das „Kinder Paradise“ aus, zeigt so seine Dankbarkeit.

Dann, im April 2014, soll er zwei junge Frauen aus Deutschland vom Flughafen abholen: Wiebke und Janina kommen nach Ghana, um ein viermonatiges Praktikum zu machen. „Mir war schnell klar, dass ich in Wiebke verliebt bin“, sagt Victor. „Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich für jemanden solche Gefühle hatte.“


Wiebke geht es ähnlich. „Wir haben beide eine Weile dagegen angekämpft, konnten unsere Gefühle dann aber doch nicht leugnen und wurden ein Paar“, erzählt sie. „Ich bin nach meinem Praktikum zurück nach Deutschland geflogen, kam aber kurz darauf wieder, um Victor zu besuchen. In der Zwischenzeit haben wir abends immer drei bis vier Stunden telefoniert, die Sehnsucht war riesig.“

21. Februar 2015: Das Paar gibt sich in Ghana das Ja-Wort. Wiebkes Mutter war für die Feier extra aus Deutschland angereist, insgesamt feierten die beiden mit 50 Gästen
Foto: Andreas Costanzo

Zehn Monate nach ihrem Kennenlernen heiraten Wiebke und Victor, geben sich im Februar 2015 in Ghana das Ja-Wort, stellen den Antrag auf Familienzusammenführung. Vier Monate später bekommt Victor sein Visum, zieht von Accra nach Hamburg.

Hier lernt er Deutsch im Eiltempo – und bewirbt sich für Ausbildungsplätze, landet schließlich bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), und schlägt sich hier als angehender Mechatroniker so gut, dass er von der Industrie- und Handelskammer, der Hamburger Handwerkskammer, BILD Hamburg und HIBB als Azubi des Jahres ausgezeichnet wird, den Sonderpreis „Integration“ erhält. In der vergangenen Woche hat Victor seine letzte Prüfung bestanden – die HHLA hat ihn übernommen, ihm einen unbefristeten Vertrag gegeben: Am Montag war Victors erster, echter Arbeitstag.

„Gerade in dieser Woche musste ich viel darüber nachdenken, wie mein Weg so verlaufen ist“, sagt Victor, „Ich bin unfassbar dankbar dafür, muss aber auch immer an die Kinder in Ghana denken, denen es heute so geht wie mir damals.“

Victor lebt mit Frau und Tochter seit fünf Jahren in Hamburg im Elbinsel-Stadtteil Veddel
Foto: Andreas Costanzo
„Ein Herz für Kinder“

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