Bei den Opfern von Haiti

Als wir Reporter die Beinamputierten im „Hopital Espoir“ in Port-au-Prince sehen, trauen wir uns kaum, sie um ein Foto zu bitten. Als wir dann doch vorsichtig fragen, sagen sie: „Natürlich, macht Bilder! Uns geht es doch gut. IMMERHIN SIND WIR AM LEBEN!“

Es gibt eine neue Zeitrechnung in Haiti, die Zeit n. B., nach dem Beben mit über 200 000 Toten. 100 Tage n. B. sind wir zurück in Port-au-Prince, der Stadt, die wir im Januar schmutzig und erschöpft verlassen hatten. Um zu sehen, was sich getan hat. Ob sich etwas getan hat.

Es gibt noch immer Ecken, in die bisher keine Hilfe kam, auch drei Monate nach dem Beben nicht. Ecken wie Lila Voix, wo Madame Therese (35) mit ihren Kindern in einem Verschlag aus Bettlaken und Holz haust.

Madame Therese stand auf der Straße, als die Erde bebte, hinter ihr sackte das Haus zusammen. Unter den Trümmern hörte sie die Stimme ihrer Tochter Oline, 14 Jahre alt. Freunde und Nachbarn gruben zwei Nächte lang, dann hatten sie Baby Peterson (14 Monate) und die kleine Rose (9) geborgen, schwach, aber am Leben. Oline blieb unter dem Schutt begraben.

Erst letzte Woche fand die Organisation „World Vision“ das Lager, wo Madame Therese jetzt lebt. NUN WIRD DIE HILFE ANLAUFEN

Wir sitzen auf der Ladefläche eines Pick-ups, fahren durch die Innenstadt. Die Straßen sind frei, erst jetzt sieht man richtig, was das Beben Port-au-Prince angetan hat: Es hat die Stadt entstellt. Im Januar saßen die Menschen vor den Trümmern ihrer Häuser, ihr Leben wie in Schock erstarrt. Sie funktionierten körperlich – einatmen, ausatmen, aber ihre Seelen waren ausgeschaltet. Jetzt, endlich, ist wieder Bewegung in Port-au-Prince.

Männer in gelben T-Shirts schlagen mit Hämmern Ruinen klein, die UN zahlt fünf Dollar pro Tag dafür. Der Schutt wird auf Brachland am Hafen gekippt und planiert. Zement und Beton und die Knochen der Toten dazwischen. Die Regierung stellte Zelte darauf, bald werden Flüchtlinge hier wohnen. Neues Leben auf den Toten.Port-au-Prince ist jetzt eine Zeltstadt.

1,2 Millionen Obdachlose leben in 800 Lagern. „Sie sehen hier einen neuen Stadtteil von Port-au-Prince“, sagt Entwicklungshelferin Sarah Wolf. Wir treffen sie auf einem Feld, das jetzt Sineas heißt. Rotes Kreuz und UNICEF brachten Zelte, nun leben 18 000 Menschen hier. Es gibt ein Friseurzelt, ein Kneipenzelt, ein Kinozelt: Um 17.30 Uhr läuft „Kung Fu Basket“, Eintritt 5 Gourdes, 10 Cent.

Die „Kindernothilfe“ erkämpfte ein paar Hundert Quadratmeter Boden, dort baut sie ein Kinderzentrum aus Wellblech und Holz. 1800 Kinder werden hier bald zur Schule gehen.

Im „Hopital Espoire“, dem Krankenhaus der Hoffnung, sahen wir im Januar Menschen sterben und viele mehr überleben. Deutsche Ärzte der Organisation „humedica“, die mit einem Flugzeug der BILD-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“ ins Land gebracht worden waren, retteten Leben im Akkord.

Im Hof, wo sich unter Pappen die Leichen stapelten, treffen wir nun auf die beinamputierten Menschen. Sie lernen, wie man mit Prothesen läuft. Wenn jemand die ersten Schritte tut, applaudieren die anderen ringsum. In solchen Momenten wird auch wieder gelacht in Haiti.

„Ein Herz für Kinder“

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